Exzellenz fürs Ghetto

Im Berliner Krisengebiet Wedding wollen gleich zwei Privatschulen für Arme eröffnen – ohne Schulgeld (2014)

Da saß Fiona Brunk nun in Sansibar in der Kwa Mtipura-Schule und wusste nicht mehr wozu. Brunk war mit einem Freiwilligen-Projekt nach Ostafrika gereist, um auf der vor Tansania gelegenen Insel in einer Schule mitzuhelfen. Tansanische Schulen, das ist pädagogisches Krisengebiet, 28 Prozent der Menschen dort sind Analphabeten. Obwohl die Schulgebühren abgeschafft sind, können sich viele tansanische Familien die Schule für ihre Kinder immer noch nicht leisten.

Der ideale Ort, um Entwicklungshilfe zu leisten. Hatte sich Fiona Brunk, 33, Doktor der Mathematik, gedacht.

Bis Rashid, ihr Mentor, eines Tages sagte: „Bei Euch, im reichen Deutschland, ist das bestimmt alles ganz anders“, meinte der Lehrer. „Eure Schulen sind gut ausgestattet und keiner verlässt die Schule ohne Abschluss.“

Ein Drittel ohne Abschluss

Als sie darüber nachdachte, wusste sie: „Fiona, tu erst mal was für die Schulen in deinem eigenen Heimatland! Denen geht es auch nicht viel besser.“ Also kehrte sie heim nach Deutschland, genauer nach Berlin-Wedding, wo sich die Menschen auch kein Schulgeld leisten können und in manchen Kiezen ein Drittel der Schüler die Schule ohne Abschluss verlässt. Dort gründete Fiona Brunk eine neue Schule „für die Jugendlichen hier aus dem Wedding“, wie sie im Verlauf des Besuchs im dritten Hinterhof der Prinzenallee 25 immer wieder sagen wird.

Am Montag in zwei Wochen (25. August) ist es so weit. Dann wird die nach einem Inkareis benannte Schule „Quinoa“ ihre Pforten öffnen. Im provisorischen Schulhaus haben dann 24 Siebtklässler ihren ersten Schultag in der Sekundarstufe. Quinoa ist eine Privatschule, aber trotzdem werden nur drei der Schüler Schulgeld bezahlen. Denn die Eltern von Adnan, Hanan, Safina, Kevin, Vanessa und wie sie alle heißen, verdienen zu wenig, um Schulgeld zu entrichten. Oder sind freigestellt, weil sie Hartz IV erhalten.

Quinoa wird wahrscheinlich die erste Privatschule für Arme. Ehernes Prinzip ist, dass jeder, der sich bewirbt und ausgewählt wird, auch angenommen wird. Erst anschließend wird geprüft, ob Schulgeld anfällt. Die Schulgelder der drei Zahler liegen zwischen 40 und 150 Euro.

Kein Selbstläufer

„Es ist ja nicht so, dass sie sagen, ‚wir machen eine Privatschule‘, und das ist ein Selbstläufer!“ Stefan Döring ist nahe dran, sich aufzuregen. Über die zu geringen Zuschüsse zu Beginn einer Schulgründung, über die zähen Verhandlungen wegen eines Gebäudes und über die vielen Menschen, die zu ihm sagen: „Ich finde es super, was Sie machen!“ Aber dann nicht helfen.

Stefan Döring ist der Kompagnon von Fiona Brunk und so etwas wie der pädagogische Kopf der Schule. Er hat einen ziemlich modernen Lehrplan entwickelt, ein Mittelding zwischen reformpädagogischer Freiheit und enger lehrerzentrierter Begleitung. Döring ist von Hause aus Politologe und hat – zusammen mit Fiona Brunk – zwei Jahre an einer Weddinger Brennpunktschule als „Teach-First-Fellow“ unterrichtet; Teach First schickt herausragende Universitätsabsolventen in deutsche Krisenschulen. Später war Döring Lehrer und Teamleiter an einer reformpädagogischen Privatschule in Berlin.

„Wir können kein so freies Konzept ab Klasse 7 verwirklichen, unser Ziel ist, dass jeder einen guten Abschluss bekommt.“ Er und Brunk nehmen den Beinamen ihrer Schule ernst: „Bildung für hervorragende Lebensperspektiven“. Sie werden ihre Schüler über Mentoren noch fünf Jahre nach deren Schulabschluss weiter betreuen. Um ihnen Praktika zu besorgen, um bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zu helfen oder sie zum Abitur zu begleiten.

„Ach, hören Sie auf! Wir haben beide schon draußen beim Staat unterrichtet, aber hier in dieser Schule soll das nicht gehen?“

Döring hat viel Erfahrung als Jugendtrainer und Lehrer – trotzdem darf er an seiner eigenen Schule nicht unterrichten. Das ist eine der Anomalien von Privatschulen. Sie stehen zwar im Grundgesetz. „Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet“, heißt es in Artikel 7. Nur steht danach noch viel Einschränkendes. Man merkt jetzt, dass Fiona Brunk, sehr energisch werden kann. Die kleine Frau guckt mit schmalen Augen durch ihre randlose Brille. „Ach, hören Sie auf!“, winkt sie ab. „Wir haben beide schon draußen beim Staat unterrichtet, aber hier in dieser Schule soll das nicht gehen?“ Den Rest ihrer Suada schluckt sie lieber herunter.

Die 33jährige ist nicht der Typ Mensch, der sich einschüchtern lässt. Sie war nach ihrer Zeit bei Teach-First an der Weddinger Schule Trainee für Führungskräfte bei der Deutschen Post DHL. „Sie hätte ihren Weg sicher gemacht, sie ist qualifiziert und durchsetzungsstark“, sagt Walter Scheurle, ehemaliger Personalvorstand des Unternehmens mit fast 500.000 Beschäftigten weltweit. „Ich war überrascht“, erinnert sich Scheurle, als er hörte, dass Brunk ihren unbefristeten Vertrag hingeworfen hatte. „Das ist mutig. Aber sie weiss, was sie macht.“

Ich will Postbote werden

Scheurle ist fasziniert von der Idee, im Wedding eine Privatschule zu gründen. Und zwar eine, die kein Geld kostet. Er selbst hat Brunk und Döring einmal in ihrer Brennpunktschule besucht. Da saß dann eine Klasse vor ihm, bei der nur in drei Familien deutsch gesprochen wird. Die Schüler konnten sich nicht vorstellen, was ein Personalchef mit einer halben Million Mitarbeitern so macht. Einer kam danach zu ihm gelaufen: „Ich will Postbote werden.“

Fiona Brunk ist im Ruhrgebiet geboren und lernte selbst in Waldorfschulen. Ihr Vater ist ein sehr erfolgreicher Klinikchef. Wenn man sie fragt, warum sie ihren aussichtsreichen Trainee-Job aufgibt, um Schulgründerin im Wedding zu werden, kommt sie schnell in Fahrt. „Es geht um Elena und Hamid und all die anderen, die ich in der Hauptschule kennengelernt habe“, sagt sie. Sie seien wahnsinnig talentierte Jugendliche. „Aber ich kann es nicht ertragen, dass sie gar nicht wissen, welche Chancen ihnen zustehen.“ Sie nähmen ihre Rolle als Verlierer der Gesellschaft heimlich an. Das will Brunk nicht verstehen. „Als ich mit Elena einmal bei einem Empfang mit angesehenen Persönlichkeiten war, da tippte sie mich an, als eine Bedienung mit einem Tablett vorbeikam: ‚Da gehöre ich hin’“.

Wenn Brunk und Döring über die Idee ihrer Schule sprechen, dann lautet das erste Wort: Wertschätzung. Sie wollen die Kinder annehmen, wie sie sind, in ihrer Persönlichkeit, ihrer Herkunft. Und: „Wir schauen, was an Potenzial da ist“. Aber der sanfte Döring und die zupackende Brunk wissen auch, wie man Weddinger Kids mobil macht. Sie haben in ihrer alten staatlichen Weddinger Schule einen Nachhilfekurs für den mittleren Schulabschluss (MSA) gestaltet. „In der ersten Stunde haben wir die erstmal einen MSA-Test schreiben lassen. Damit alle wissen, wo sie stehen“, erzählt Döring. „Alle durchgefallen“. Von da an ging es mit individuellen Lerneinheiten weiter. Wer pünktlich kam, wer seine Aufgaben dabei hatte und sie auch selbst erledigte, der wurde nach einem Punktesystem belohnt. Bestanden haben am Ende alle.

Fiona Brunk ist eine Macherin, energetisch, aufgeladen. Sie will verändern. Angetrieben ist sie von einem beinahe unwirklichen Gerechtigkeitsgefühl. Wenn sie über den Wedding spricht und die fehlenden Möglichkeiten für die Kinder, die hier aufwachsen, dann purzeln am Ende überraschende Kausalitäten heraus. „… weil das System so ungerecht ist“, zum Beispiel.

Brunks Mentor von der Post, Walter Scheurle, ist generöser und gelassener. Aber auch er trägt eine Mission. „Wir müssen den Kindern Mut machen und ihnen Selbstbewusstein geben. Ihnen zeigen, was es heißt, etwas selbst in die Hand zu nehmen, selbständig zu sein“, sagt er. „Sie brauchen Vorbilder. Sie müssen spüren, ‚ich kann was, ich bin was.’“

Der einstige Personalchef der Post war nicht immer der Mächtige. In der neunten Klasse schmiss er das Gymnasium. Er wollte nicht ständig an seinem Bruder gemessen werden, einem Einserschüler. Seine Großmutter, die in einer Badeanstalt der Post arbeitete, besorgte ihm dann eine Stelle als Lehrling bei der Post. Scheurle wurde Briefträger – und machte sich von da auf seinen langen Weg nach oben in den Vorstand. „Ich weiss, dass man sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen darf.“ Deswegen engagiert sich Scheurle auch als Sponsor der Schule. Er hat eine ganze Reihe von Schülerpatenschaften übernommen. Und Managerkollegen gewonnen, ebenfalls für 6.000 Euro ein Jahresstipendium zu spenden. Das bedeutet: Sie bezahlen das Schulgeld für 21 Schüler der Quinoa-Schule.

Wenn man aus dem Büro von Quinoa im dritten Hinterhof geht, stolpert man über einen demontierten Fahrradrahmen. Ein kleiner Junge fragt: „Kannst Du mir einen Cent schenken?“ Draußen auf der Straße überquert man die Prinzenallee und biegt nach wenigen Schritten in die Gotenburger Straße ein. Linker Hand liegt die „Schule am Zillepark“, sie steht leer. Brunk und Döring haben sich darum beworben, aber einziehen können sie mit ihrer Schule nicht. Noch nicht. Vielleicht nächstes Schuljahr. Das Gebäude müsse nach einem fairen Verfahren vergeben werden, so hört man es aus der Weddinger Verwaltung. „Es gibt auch andere Bewerber, die geeignet sind.“

Was passt besser in eine Schule als eine Schule?

***

„Wir haben uns um vier Schulgebäude im Bezirk vergeblich bemüht, aber wir bleiben zuversichtlich“, sagt Monika Schaal. Frau Schaal sagt viele Sätze, die ganz ähnlich klingen wie die von Fiona Brunk. Aber Monika Schaal gehört nicht zu Quinoa, sondern zu einer anderen Privatschule, die im Wedding entstehen soll, der „Freien Bürgerschule Wedding“. Sie ist sozusagen eine Konkurrentin, auch wenn der Start gerade um ein Jahr verschoben wurde. Auch die Bürgerschule will eine Privatschule für Arme werden.

Die Geschichte dieses Zwillings erzählt viel darüber, wie groß die Schulnot im Wedding ist. Auch die Initiative, die hinter der Bürgerschule steht, hat die Nase voll von miserablen Schulergebnissen. Beim Lesen erreichen in Vergleichstests 59 Prozent der Schüler aus dem Kiez Wedding nur die unterste Kompetenzstufe – zusammen mit dem Nachbarkiez Gesundbrunnen das schlechteste Berliner Ergebnis. „Ich als Bäcker habe damals auf der Bühne versprochen, die Ergebnisse unserer Kinder zu verbessern“, berichtet Selcuk Saydam von der Gründung der Bürgerplattform Wedding. Die Plattform ist eine Initiative, die sich 2008 gegründet hat, um ihren Statdtteil schöner und erfolgreicher zu machen – und vor allem partizipativer. Ihr erstes großes Projekt: Die Bürgerschule.

Die Bürgerschule hat ein großes Vorbild. 2011 sind mehrere Mitglieder der Bürgerplattform nach New York gereist, um sich die „Harlem Children`s Zone“ anzuschauen. Das ist die inzwischen berühmte Quartiersschule von Geoffrey Canada, der Harlem nach einer Art Planquadratsystem unter seine Fittiche genommen hat. Canada, ein schwarzer Ex-Lehrer, versprach die Lernergebnisse der Kids Block für Block besser zu machen. Und er hatte Erfolg damit. Inzwischen ist Canada wahrscheinlich einer der erfolgreichsten Non-Profit-Unternehmer in den USA. Barack Obama hat sein Modell zu einem nationalen Programm erhoben und 150 Millionen Dollar für Initiativen zur Verfügung gestellt, die eine „Children´s Zone“ errichten wollen.

Freilich ist die „Harlem Children`s Zone“ für deutsche Verhältnisse gewöhnungsbedürftig: Es ist eine Mischung aus „community organizing“ und „Boot Camp“. Einerseits werden die Ressourcen, die in den Menschen eines Wohnblocks stecken, wiederentdeckt und gebündelt; andererseits werden die Schüler, Lehrer und Schulen an die Kandare genommen. Nur Leistung zählt, Lehrer, die keine Ergebnisse liefern, müssen gehen. Die „Children´s Zone“ übernimmt die Schulen vom Staat und führt sie als so genannte „Charter School“ weiter, als Vertragsschule.

„Wir wollen kein Modell aus den USA, wir machen das hier für den Wedding und für Deutschland“, stellt Selcuk Saydam klar, der seinen Job als Bäcker längst aufgegeben hat. Er ist Vorsitzender des Moschee-Vereins der Weddinger „Haci Bayram“-Gemeinde. Aber das Modell Charter School hat es ihm und seinen Mitstreitern angetan. Sie würden gerne eine öffentliche Schule betreiben; oder wenigstens eine der sterbenden Weddinger Schulen mit zwei eigenen Klassen wieder zum Leben erwecken. So wollte es die Bürgerschule machen, aber da spielten die öffentlichen Stellen nicht mit. In der Lehrerkonferenz einer Weddinger Schule sollte die Bürgerplattform eine Mehrheit für ihr Konzept erreichen. „Das ist unmöglich zu schaffen“, sagt Saydam.

In der Tat wäre es viel, was die Berliner Schulverwaltung zu schlucken hätte. Die Aktivisten von der Plattform bringen ein Lernkonzept für ihre Bürgerschule mit und insgesamt 40 Vereine aus dem Wedding, darunter 20 Migranteninitiativen. Aber sie wollen mit am Ruder sitzen in der neuen Schule. Sie wollen zum Beispiel die Lehrer selbst einstellen. Das heißt, sie brauchen Ausnahmeregeln vom Berliner Senat. „Die müssen die Autobahn freiräumen. Was wir hier starten, ist ein Modellversuch, wenn nicht eine Revolution“, sagt Susanne Sander. Sie ist „Community Organizerin“, das heißt, sie begleitet und moderiert den Prozess der Selbstfindung der Weddinger Kiezgesellschaft.

Betreibt man ein wenig vergleichende Zwillingsforschung, so wirken die Quinoa-Privatschule und die Bürgerschule identisch. Sie haben das selbe Ziel, die selbe Schüler-Klientel und ähnliche Lernkonzepte. Aber sie unterscheiden sich dennoch: Die Bürgerschule verfolgt einen partizipativen Ansatz, sie will und muss immer die vielen Vereine der Bürgerplattform einbeziehen. Quinoa arbeitet gesteuerter und professioneller. Schulgeld ist für die Bürgerschule ein Tabu, für Quinoa hingegen ein wichtiger Baustein. „Jede Familie, die etwas betragen kann, soll das gerne tun“, sagt Stefan Döring. Sind sie sich gegenseitig Konkurrenz? Da antworten die Leute von Quinoa und der Bürgerschule beinahe gleich: „Nein, es kann gar nicht genug gute Schulen im Wedding geben“.

Die Wucht, mit der die Zivilgesellschaft die Weddinger Schulen zum Tanz auffordert, ist groß. Die Quinoa-Gründer werden gesponsert von der Vodafone-Stiftung, sie haben die Montessori-Stiftung als Träger und wissen die Paten um Walter Scheurle an ihrer Seite. Hinter der Bürgerschule stehen inzwischen die Bürgerplattform, das „Deutsche Institut für Community Organizing“, das Berliner Sozialunternehmen „Pfefferwerk“ als Träger und der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin, der einen Zuschuss von 100.000 Euro geben will. Kommenden Dienstag will die Plattform ihre Schule der Öffentlichkeit erklären. „Wir gründen nicht eine weitere Privatschule, sondern etwas ganz anderes“, wird der Schlachtruf dann lauten.

Den Berliner Schulverwaltern ist halb suspekt, was sich da im Wedding tut. Halb haben sie es noch nicht verstanden. „Wir finden die Idee Freier Schulen, die Kindern aus dem Kiez gute Bildung ohne Schulgeld geben, wirklich gut“, sagt Sabine Smentek (SPD), die für Wedding zuständige Schulstadträtin. „Aber wir Sozialdemokraten bleiben bei Privatschulen immer misstrauisch.“

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