Flipped Classroom

Das Lernen mit digitalen Medien bietet Schülern neue Möglichkeiten zu Kooperation und Kreativität. Es begeistert Schüler, und es macht freilich beiden Seiten viel Arbeit: Schülern und auch Lehrern. Leistungszuwächse sind bislang nicht erwiesen

Werkzeug
Werkzeug

VON CHRISTIAN FÜLLER

Wenn die höheren Klassen der Bremer Gesamtschule West in die KZ-Gedenkstätte nach Neuengamme fahren, dann führt jeder Schüler Tagebuch. Dabei kommen erstaunliche Kladden zustande. Beeindruckende Notizen, Mitschriften, Texte, Gedanken der Schüler über das große Verbrechen. 

Jeder sein eigenes Buch

„Ihr seid wahrscheinlich der letzte Jahrgang, der noch ein analoges Tagebuch führt“, sagte die begleitende Lehrerin am Ende der jüngsten Fahrt. Denn die Schüler fotografieren und filmen mit ihren Smartphones schon seit einiger Zeit an dem traurigen Ort. Die Schüler können nun Bilder mit ins Tagebuch einbinden – sofern es ein digitales E-Book ist. Darin finden sich, wie bisher, die Texte der Schüler, aber auch Fotos, Filme, Interviews mit Bild und Ton. Die Schüler können Grafiken und Diagramme einbauen, historische Dokumente zeigen. Am Ende hat jeder Schüler sein eigenes Buch.

In Deutschland wird gerade heiß über die Vorteile des digitalen Lernens diskutiert. Können die Lehrer das? Bleiben die Schüler bei der Sache? Wie geht das überhaupt – digitales Lernen? Das E-Book, herstellbar auf Laptops wie auf Tablets, ist vielleicht die eingängigste Anwendung: Weil dort Individualität und Kreativität ins Auge stechen. Und weil es so einfach herzustellen ist. Smartphones mit Kamera und Ton-Funktion stecken in den Hosentaschen bald jeden Schülers. E-Book-Apps gibt es in allen möglichen Varianten.

Das entscheidende Plus des digitalen Lernens kommt dabei aber noch gar nicht zur Geltung: das kollaborative Arbeiten, gerne auch mit Schwarmintelligenz übersetzt. Möglich wird sie durch Vernetzung der Lernenden, also ihren gleichzeitigen Zugriff auf Lernaufgaben und Texte.

Sich beim Produzieren zuschauen

Was ändert eine solche Lernplattform? Die Schüler können sich jetzt gegenseitig beim Produzieren zuschauen. Die Bremer Gesamtschüler sehen so die E-Books der anderen wachsen. Sie können Teams bilden, um bestimmte Teile des Buchs individuell, andere gemeinsam zu gestalten. Vielleicht hat Robert ein Interview mit einem Zeitzeugen geführt – der, weil er schon über 90 Jahre alt ist, nicht mit allen 25 Schülern sprechen kann. Also teilt Robert sein Gespräch mit anderen.

Was sich so produktiv anhört, ist in Deutschland alles andere eine Selbstverständlichkeit. Das hat am deutlichsten eine Studie der OECD über die Computernutzung in Schulen verschiedener Staaten aus dem Jahr 2014 gezeigt. In keinem der beteiligten Staaten setzen „Lehrer Computer seltener ein“ als in Deutschland. Nur neun Prozent der befragten Lehrer gaben an, den Rechner täglich im Unterricht zu nutzen. Es wundert nicht, dass die deutschen Lehrer computerbezogene Kompetenzen kaum fördern, darunter etwa „den effizienten Zugriff auf Informationen“ oder „das Erkunden und Nutzen verschiedener digitaler Ressourcen“. Die erschütterndste Zahl des OECD-Berichts ist diese: 1,6 Prozent. Das ist die Zahl der Schüler, die angeben, jeden Tag den Computer in der Schule nutzen zu können.

„Oftmals bildet Deutschland das Schlusslicht des internationalen Vergleichs“, resümieren die Forscher der 2014er Studie. Problematisch sei, „dass in den letzten Jahren kaum eine Entwicklung beobachtet werden kann.“ So weit, so schlecht. Durchaus verwirrend waren dann allerdings die Ergebnisse der OECD-Folgestudie von 2015. Da fanden die Forscher nämlich heraus, dass in den Staaten, die den Computereinsatz in ihre Schulen deutlich erhöht hatten, die Schülerleistungen keineswegs besser geworden waren. Kurz: Viel Computer hilft nicht automatisch viel.

In den letzten Jahren hat sich dennoch einiges getan. Union und SPD haben 2015 im Bundestag einen gemeinsamen Beschluss über digitales Lernen verabschiedet. Sie fordern darin die Bundesländer zu einem digitalen Pakt auf. Denn allein sie sind laut Verfassung zuständig. Viele Lehrer wollen darauf nicht warten. Sie haben sich zu netzaffinen Bewegungen zusammengetan, die sich in „EduCamps“ (Education Camps), Lern-Labs (Lern-Laboratorien) oder bei EdChats (Education Chat auf Twitter) austauschen. Einige der Lehrer-Pioniere sind bereits weit in technische und didaktische Details vorgedrungen. Dazu zählen zum Beispiel diverse Tablet-Lehrer oder auch Anwender von „serious games“, das sind Computerspiele zum Lernen.

Eines der interessantesten Beispiele ist vielleicht der „flipped classroom“, das ist nicht etwa Lernen mit Flippern, sondern die Lehrer drehen das Klassenzimmer um: der Lehrervortrag findet in einem Video statt – das die Schüler zuhause anschauen. Die in dem Video gestellten Hausaufgaben werden hingegen in der Schule gemacht – mit Lehrer. Deswegen „umgedrehtes Klassenzimmer“. 

Der Neu-Ulmer Lehrer Sebastian Schmidt flipped sein Mathe-Klassenzimmer. Er stellt für jede Unterrichtseinheit ein Lehrvideo her. Die Videos des 33-jährigen sind keine rein sachlichen Erklärfilme, in denen nur Gleichungen oder Grafen zu sehen sind. Sie sollen möglichst kurz sein (fünf bis acht Minuten) und auch kurzweilig. Schmidt tritt immer wieder selbst ins Bild und vermittelt unterhaltsam die mathematischen Grundlagen, aber auch heiklere Verstehensschritte. „Ich finds gut, weil ich mir das auch mehrmals anschauen kann“, sagt ein Schülerin der 6c. In der Mathestunde alten Formats könnte sie Studienrat Schmidt nicht einfach zurückspulen.

Das interessante ist, dass die Rolle des Lehrers beim umgedrehten Klassenzimmer stark bleibt. Schmidt ist nicht nur ein Lernbegleiter in der Schulstunde, der von zu Tisch zu Tisch geht, um mit einzelnen Schülern Aufgaben zu besprechen. Er kann über die Videos weiterhin sein Fachwissen ausspielen. Das ist nicht bei allen digitalen Lehrmethoden so.

Das Drehen der Videos verleiht ihm fachliche Autorität – und es ist aufwändig. Für die ersten Videos brauchte der junge Lehrer noch ein paar Stunden, heute schafft er sie in weniger als einer Stunde. Seine Rolle hat sich dabei erweitert. Sebastian Schmidt ist kein anonymer Lehrender mehr. Denn auch die Eltern können sein Lehrvideos sehen, die bisweilen auch auf Youtube zu finden sind.

Genau diese Öffentlichkeit des „flipped classroom“ zeigt zugleich die Ambivalenz des digitalen Lernens. Es macht das bislang öffentliche Gut Bildung für private Anbieter interessant. Schmidts Kollege Yat-Yan Lam aus Hong Kong zum Beispiel lehrt längst nicht mehr an einer Schule. Er verkauft seine Lehrvideos – über das Netz. Video-Pädagoge Lam verdient dabei in einem Jahr mehr als Schmidt in seinem ganzen Lehrerleben: Vier Millionen Dollar. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass auch Sebastian Schmidt das lukrative Angebot eines E-Learning-Anbieters bekommt. Das heißt: Die Bildung wird zum Milliardenmarkt. Durch Digitalisierung.

Schmidt selbst sieht nicht, dass aus ihm ein pädagogischer Youtuber- oder Video-Star werden könnte. Er schwört auf die Kombination von analogem und digitalem Lernen. „In der Schule“, sagt er, „dauert es auch immer seine Zeit bis die Schüler merken, dass es sinnlos ist, für Schulaufgaben Videos zu gucken. Eigenes Üben ist dafür viel besser geeignet.“

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2 Comments

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  1. Lieber Herr Füller, vielen Dank für Ihren interessanten Artkel, der aufzeigt, welche Potentiale die digitalen Medien im Bildungsbereich bieten. An einer Stelle möchte ich allerdings widersprechen. Sie schreiben: „Leistungszuwächse sind bislang nicht erwiesen.“ Ich habe zwar längst nicht diese Fülle an Studien gewälzt, wie es Menschen aus dem wissenschaftlichen Betrieb tun. Aber meines Wissens gibt es durchaus Studien, die einen Lernzuwachs nachgewiesen haben. Interessanterweise ja sogar von dem lautesten und prominentesten Kritiker der digitalen Bildung, Manfred Spitzer. Dessen Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen hat herausgefunden, dass Schüler mit bettermarks bessere Leistungen erbringen als ohne. Immerhin.

    Aber abgesehen davon, ob Schüler mit digitalen Medien bessere Leistungen erbringen als im herkömmlichen Unterricht, muss man sich doch auch fragen, ob diese Art der Leistungsmessung zielführend ist. Was machen diese Art von Leistungstests mit den Schülerinnen und Schülern? Welche Qualifikationen brauchen Menschen wirklich, um die bevorstehenden Herausforderungen zu meistern? Wissen allein reicht nicht. Das Ziel von Bildung muss sein, Menschen zum nachhaltigen Handeln zu befähigen.

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